Neue Schule - Alle sind gefordert
Für eine Weiterentwicklung der Schule braucht es Alle: Eltern, Politik, Schule und die gesamte Kommune. Das ist das Fazit der Fachtagung „Neue Schule - Eine kluge Stadt braucht alle Talente“, zu der die GRÜNE Rathausfraktion Wiesbaden am vergangenen Samstag in die Integrierte Gesamtschule Kastellstraße eingeladen hatte.
In seinem Eingangsstatement ging der bildungspolitische Sprecher der GRÜNEN Landtagsfraktion, Mathias Wagner, auf die zentralen schulischen Herausforderungen ein, die es anzunehmen gelte: Mehr Zeit an der Schule und mehr pädagogische Freiheit für die Schulen. Die Schritte dorthin hießen Selbstständigkeit der Schulen, verbindliche Ganztagsschule und Konsensbereitschaft zwischen den Akteuren - also Eltern, Politik und Schule. Wagner betonte, dass man dies nicht von oben verordnen könne und dürfe, wie der Volksentscheid in Hamburg und die problematische Einführung von G8 in Hessen gezeigt habe. Vielmehr sollten die politisch Verantwortlichen eine Strategie des Ermöglichens verfolgen und hierfür die Rahmenbedingungen schaffen.

Dass Schule einem stetigen Wandel unterworfen ist und immer wieder mit erweiterten Anforderungen konfrontiert wird, verdeutlichten die anschließenden Vorträge der Expertinnen und Experten. Der ehemalige Schulleiter der Comeniusschule, Bernhard Hofbeck, informierte über die aktuellen Entwicklungen zur Inklusion. Mittelfristiges Ziel für Wiesbaden müsse eine enge Kooperation zwischen Förderschulen und Regelschulen sein. Konsequent zu Ende gedacht bedeute Inklusion das Ende der Separation und damit das Ende des dreigliedrigen Schulsystems. Im Anschluss referierte Guido Seelmann-Eggebert, Vorsitzender des Ganztagsschulverbands Hessen e.V., über die Historie und die Anforderungsprofile der Ganztagsschule. Die Ganztagsschule müsse in der Grundschule beginnen, um alle Potenziale von Schülerinnen und Schülern aber auch von den Lehrpersonen abzurufen. Die Rhythmisierung des Schulalltages, also über den Tag verteilte Phasen des Lernens und Entspannens, seien sehr wichtig. Wie längeres gemeinsames Lernen in der Schule funktionieren kann, skizzierte Gabriele Zimmerer, die Landesvorsitzende der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule e.V.: Schulen, die das individuelle Lernen in kooperativen Zusammenhängen in den Mittelpunkt stellen, benötigten andere Zeit- und Organisationsstrukturen für das Lernen. Aber auch die Lehrkräfte müssten ihre Kompetenzen weiterentwickeln, zum Beispiel in den Bereichen Gestaltung von förderlichen Lernumgebungen, Lernberatung und Diagnosefähigkeit. Dass kommunale Bildungslandschaften mehr sind als Schullandschaften und welchen Mehrwert eine Bildungslandschaft für Wiesbaden haben kann, schilderte Dr. Davina Höblich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für sozialpädagogische Forschung in Mainz. Schulen müssten sich mehr zum Stadtteil hin öffnen und Kooperationen mit anderen öffentlichen und freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe, etwa Kitas und Vereine, eingehen. Auch die Elternbeteiligung gelte es gezielt zu fördern, indem man konkrete Angebote zur Stärkung der Erziehungskompetenz mache.
Mit diesem fachlichen Bogen wurde damit erstmals der Versuch unternommen, Inklusion, Ganztagsschule, längeres gemeinsames Lernen und kommunale Bildungslandschaften zusammenzuführen und auf die Wiesbadener Schullandschaft zu beziehen.

In der abschließenden Diskussion wurden die unterschiedlichen Probleme und Chancen benannt, die mit Schulreformen einhergehen. Grundsätzlich könne man feststellen, dass die Akteure innerhalb und außerhalb des deutschen Schulsystems kein Faible für Veränderungen haben. Von geradezu fehlender Akzeptanz für Veränderung müsse man ausgehen. Hingegen seien Veränderungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen, wie zum Beispiel in der Telekommunikation, relativ schnell gesellschaftlich akzeptiert worden. Weiterhin müsse man zur Kenntnis nehmen, dass mit der Ganztagsschule auch ein gesellschaftlicher Gewöhnungsprozess verbunden sei und man deshalb bereits in der Grundschule entsprechende Angebote etablieren sollte. Dann müsse aber insgesamt die räumliche Infrastruktur verbessert und die Aufenthaltsqualität in den Schulen gesteigert werden. „Wer möchte denn schon den ganzen Tag in einer Bruchbude verbringen“, brachte es eine Teilnehmerin auf den Punkt. Auch könne man beobachten, dass Heterogenität in der Schule mittlerweile der Normalfall sei, wohingegen die viel zitierte homogene Lerngruppe letztendlich einem Wunschdenken entspringe. Es wurde auch die Frage aufgeworfen, ob sich eine Demokratie den sozialen Apartheidswünschen der Eltern unterwerfen dürfe. Eine handwerklich noch so gut gemachte Reform könne nämlich nicht gelingen, wenn die entsprechende Haltung und die Einsicht der Eltern fehle. Wenn diese weiterhin zum Wohle ihrer Kinder die bestmögliche Schule am anderen Ende der Stadt wählten, dann würden separatistische Bestrebungen letzten Endes zementiert. „Wenn man eine Neue Schule für alle wolle, müssen sie auch alle mittragen können. Neben Visionen braucht man dafür Ausdauer und Beharrlichkeit“, resümierte Dr. Helga Brenneis, schulpolitische Sprecherin der GRÜNEN Rathausfraktion Wiesbaden, die die Diskussion moderierte.
Alle TagungsteilnehmerInnen stimmten am Ende der Aussage zu: Wenn Politik wirklich etwas wolle, dann seien dafür auch die notwendigen finanziellen Mittel vorhanden.